Musik aus dem Computer, so gut wie Handgemacht?

Klingt Midi schlechter als „handgemacht“?

Ein lange gültiges Vorurteil:
Mit Midi und Sampler, im Computer produzierte Musik klingt viel schlechter als echte Aufnahmen und handgemachte Musik.

Lange Zeit war das auch korrekt. Man konnte leicht hören, ob die Musik echt war, oder aus dem Computer kommt. Das Klavier klang statisch ohne Dynamik, besonders Streicher klangen einfach immer gleich und monoton, überhaupt – es fehlte die Lebendigkeit.

Das lag daran, dass die digitale Klangerzeugung einfach nicht gut genug war um alle Nuancen eines Intrumentes einzufangen.
Auf einer Gitarre hat jede Note Ihren ganz eigenen Klang.

Micky Maus und Monster: Formantverschiebung

Digitale Sampler nutzten lange nur die Aufnahme (Sample) einer einzigen Note, und spielten diese dann einfach etwas schneller ab um höher zu klingen, oder langsamer und niedriger zu klingen. Tut man dies mit der menschlichen Stimme, so wird das Problem klar: Schnell abgespielt klingt selbst der männlichste Mann nach Micky Maus und die lieblichste Frauenstimme mutiert zu Jabba the Hut. Das mag für Sound-Design ein tolles Werkzeug sein. Ein Musikinstrument leidet aber genauso unter diesem Effekt der sogenannten Formantverschiebung.
Um (damals) teuren Speicherplatz zu sparen blieb Samplern jedoch nichts anderes übrig als das selbe Sample für verschiedene Tonlagen wiederzuverwenden und schneller/langsamer abzuspielen.

Der eigenwillige Sound dieser Sample-Technik hatte aber wie so oft in der Musik nicht nur Nachteile, sondern versorgte die aufkommende elektronische Musik mit ganz neuen Klängen, die bald genretypisch wurden. Ein schönes Beispiel ist dafür das typische House-Piano mit seinem harten „in-your-face“-Sound.

Jede Note – ein eigenes Sample. Und noch mehr..

Als Speicherplatz erschwinglicher wurde, entwickelten sich auch die Sampler weiter. Jede Note wurde mit einem einzelnen Sample belegt, wodurch Formantverschiebung und der Micky Maus Sound kein Problem mehr war. Trotzdem klangen diese digitalisierten Instrumente immer noch statisch und unnatürlich.

Das liegt an der fehlenden Dynamik: Ein Klavierspieler spielt mal laut, mal leise. Und natürlich klingt ein sanft angeschlagener Klavierton weicher als wenn voll in die Tasten gehauen wird. Sampler nutzten aber lange nur ein einziges Sample mittlerer Lautstärke und spielten dies einfach lauter oder leiser ab. Die natürlichen Klangveränderungen fehlten. Also ging man dazu über jeder Klaviernote mehrere Samples zu geben, leise, mittel und laut. Das Klang deutlich besser und erstmals konnten viele Nicht-Musiker den Unterschied kaum noch hören.

Weitere Verbesserung fand statt indem feinere Unterschiede in der Dynamik eigene Samples bekamen oft bis zu 127 Abstufungen – pro Note. Bei 88 Tasten macht das bereits rund 11000 Einzelsamples. Und da bei einem natürlichen Instrument selbst bei gleicher Anschlagstärke der Klang immer minimal variiert, ging man noch dazu über mit „Round-Robin“ für jede feine Lautstärkevariation noch 3-5 Alternativsamples hinzuzufügen.
Das ganze dann noch je einmal mit und einmal ohne Pedal. Und so kommt es das heutige Sample-Klaviere oft mit über 100.000 Einzelsamples arbeiten und gern mal über 10 Gigabyte Speicherplatz belegen.

Dafür sind sie auch für Profis kaum noch vom Original zu unterscheiden.

Ich habe die Entwicklung am Klavier beschrieben, aber natürlich hat sich auch der Klang aller anderen digitalisierten Instrumente stark verbessert. Was denkst Du welche Instrumente in diesem kleinen Jazz Arrangement von mir sind echte Aufnahmen, und welche stammen aus einem Sampler?

Na? Klavier, Schlagzeug und Kontrabass sind für Sampler inzwischen eine leichte Übung.
Aber hättest Du gedacht, dass selbst die virtuose Trompete gesampelt und über die Klaviertastatur von einem Nicht-Trompeter eingespielt wurde?
Kein einziges Instrument in diesem Stück ist echt, alles wurde rein digital erzeugt.
Schon erstaunlich – wir sind wirklich weit gekommen, seit den ersten Samplern.
Das schwierige

Ein ganzes Orchester aus der Konserve

Die Königsklasse ist aber nach wie vor das große, klassische Orchester. Hier merkt man auch heute noch den Unterschied, da es extrem schwierig ist, die feinen Nuancen in Spielweise und Schwebungen zu reproduzieren. Trotzdem kommen schon heute viele Orchesterstücke in Werbung, TV und Kinoproduktionen mit niedrigerem Budget „aus der Konserve“. Für mich als Musiker ist es extrem faszinierend, welche Möglichkeiten man mit einem PC und etwas Software heutzutage hat:

Ich bin gespannt wo die Reise hingeht!